25
JUL
2019

W-Seminar: „Heilpflanzen und ihre Wirkungen“

Wer an Heilpflanzen denkt, dem fällt zuerst Arnika oder Eukalyptus ein, doch wie ich im W-Seminar gelernt habe, muss man nur vor die Tür oder in die Küche schauen, um eine Vielfalt von Heilpflanzen zu finden. Beim Gestalten von Steckbriefen und Referaten wurde uns bewusst, dass Chili oder auch eine stinknormale Zwiebel positiv auf unsere Gesundheit wirkt. Ein Spitzwegerich, so klein und unscheinbar er auch sein mag, hilft nicht nur gegen Brennnesselstiche. Durch seine Vitamine, Gerbstoffe, ätherische Öle, etc. wirkt er bei Bronchitis, Sonnenbrand und auch Schwellungen entgegen. Zu Beginn machten wir einen Ausflug ins Grüne und entdeckten all die Facetten der heimischen Kräuter. Angefangen von der Brennnessel bis zum Löwenzahn. Es ist schon erschreckend, wie wenig wir über unsere Apotheke vor der eigenen Haustür wissen. Wer keine Wiese hat, muss nur in seinen Garten schauen. Vielleicht entdeckt ihr dort einen Lavendel, Rosen oder einen Frauenmantel, welcher übrigens hervorragend gegen Regelschmerzen hilft. Natürlich kann man meistens nicht einfach die ganze Pflanze essen, um die gewünschte und beste Wirkung zu erhalten. Vor allem, da auch manche Inhaltsstoffe giftig sind, wie beispielsweise beim Efeu. In den Praxisstunden stellten wir verschiedene Cremes aus rein pflanzlichen und tierischen Produkten her. Gerade die vielfältige Beschäftigung mit dem Themenbereich hat dazu beigetragen, dass wir unsere Themen schnell fanden.
Ich habe mich schlussendlich für die Cocapflanze entschieden. Noch nie von dieser Pflanze
gehört? Aber sicher von der Coca-Cola, die von der Coca ihren Namen bekam und dieser den typischen Geschmack verleiht. Dieses Gewächs ist ein Strauch, heimisch in Südamerika, dessen Blätter eine unglaublich große Heilwirkung haben. Durch die zahlreichen Mineralstoffe und Vitamine sind die Blätter ein guter Ersatz für das in den Höhen der Anden fehlende Gemüse und Obst. Bei einer Menge von 100g Blättern wird ein Kalorienwert von 310kcal erreicht. Dies entspricht den Kalorien von 100g Honig. 100g Blattsalat hat zum Vergleich nur 14 kcal. Die medizinische Hauptanwendungen von Coca sind bei Schmerzen und Entzündungen. Sie wird am ganzen Körper (Mund, Magen, Darm, Augen, Gelenke, Atemwege) angewendet. Erstaunliche Wirkung hat Coca auch auf den Blutzuckerspiegel. Zu hoher Blutzuckerspiegel wird gesenkt und zu niedriger hingegen gehoben. So wird das ständige Spritzen von Insulin bei Diabetes unnötig. Am bekanntesten ist Coca jedoch für seine Abhilfe bei der Höhenkrankheit. Auf psychischer Ebene entfaltet Coca eine stimulierende und stimmungsaufhellende Wirkung. In Europa ist die Pflanze trotz der erstaunlichen Eigenschaften weitestgehend unbekannt. Hier kennt man diese nur als die Pflanze, aus der die Droge Kokain gewonnen wird. So wurde Coca inzwischen weltweit verboten und fast jedem der Zugang zu der Pflanze als Heilmittel versperrt. Nur noch in Bolivien, Peru und Kolumbien ist die Pflanze legal erhältlich, da die Kultur und Religion eng mit der Coca verwoben ist. So ist die Coca der Hauptgottheit der andinen Religion Pachamama, Mutter Erde, zugeteilt. Es ist Tradition durch Opfergaben mit Coca Göttern zu danken und um ihren Schutz und Hilfe zu bitten. Bei „magischen“ oder „mystischen“, d.h. psychischen Krankheiten werden Coca-Rituale durchgeführt. Infolgedessen bietet Coca Schutz vor emotionalen Belastungen, wie Trauer- und Schockzuständen.
Im andinen Alltag trifft man die Coca überall an. Egal wo man hinschaut. Sie wird ständig gekaut. Bei Arbeitern zum Beispiel ist die Cocarunde beliebt, die man ungefähr mit einer Kaffeepause vergleichen kann. Dabei wird ein Kreis gebildet und genüsslich gleichzeitig Coca gekaut und somit eine soziale Integration geschaffen. Auch andere Riten werden von der Cocapflanze beeinflusst: anstatt sich bei einer Begrüßung die Hände gegenseitig zu schütteln, wie es in Deutschland üblich ist, tauscht man Cocablätter aus.

Das Kokain wurde erst später im Jahr 1859 von Albert Niemann entdeckt. Unter anderem durch die Befürwortung Sigmund Freuds gewann es schnell an Beliebtheit. Das einzig Positive an der Droge ist, dass durch diese die Lokalanästhesie möglich wurde. Kokain führt bei Menschen zu Verfolgungsängsten, Schlaflosigkeit, Bewusstseinserweiterung und Halluzinationen, aber auch zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit und vermindertem Hunger- und Durstgefühl. Im Falle einer Überdosis führt dies zum Versagen der atem- und kreislaufregulatorischen Funktionen. In der Regel ist eine oral eingenommene Dosis von einen bis zwei Gramm tödlich.
Weltweit sollen vom Kokainkonsum nach UNODC 18,3 Millionen Menschen betroffen sein. Das Kokain schadet nicht nur der Gesundheit, sondern ist auch eine starke finanzielle Belastung der Süchtigen. Ein Gramm kostet durchschnittlich 70€. Dies liegt an dem geringen Kokaingehalt in den Cocablättern. Zur Herstellung von 0,5kg Kokain benötigt man 50kg Coca.
Aus meiner Sicht ist es berechtigt, Kokain zu verbieten. Schon geringe Mengen können zu verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen führen. Es geht allerdings zu weit, auch die Ursprungspflanze des Kokains zu verteufeln. Natürlich kann man aus Coca Kokain gewinnen. Doch man sollte neben der falschen Nutzung und Missbrauch der Coca auch die positiven Aspekte ins Auge fassen. Die Coca besitzt eine Heilkraft, die kaum vergleichbar ist mit einer anderen Pflanze in Südamerika. Der kulturelle Wert von Coca ist unersetzbar. Wenn man sie aus der andinen Religion entfernen würde, ist das so, wie wenn man das Kreuz aus dem Christentum entfernen würde.

Eine weitere Seminararbeit beschäftigte sich mit dem Thema Hildegard von Bingen – Visionärin, Kräuterheilkundige oder Hexe.
Hildegard von Bingen spielte seit meiner Kindheit eine wichtige Rolle in meinem Leben, ihre Rezepte und medizinischen Ratschläge wurden mir schon früh mit auf den Weg gegeben. Somit war es für mich schnell klar, dass mich diese besondere Frau auch in meinem W-Seminar begleiten würde. Da die Nonne aus dem 12. Jh. heute nicht nur mit ihrer modernen Einstellung zur Emanzipation der Frau und ihrem mutigen Auftreten gegenüber der mittelalterlichen Obrigkeit begeistert, sondern vor allem auch mit ihren medizinischen Erkenntnissen, kam schnell die Frage auf, welche Reaktionen dieses Verhalten in einer von der geistlichen Obrigkeit geprägten Zeit hervorgerufen hat. Um diese Frage zu klären, war es essenziell, die Lebensumstände des 11. und 12. Jh. zu verstehen und sich intensiv mit Hildegards Biographie zu beschäftigen. Weiter galt es zu klären, wie Hildegard jeglicher Kritik an ihren medizinischen Praktiken entkommen konnte, obwohl bekanntlich viele Frauen für die Ausführung solcher Praktiken und deren Weitergabe im Mittelalter ihr Leben riskierten. Um diesen Widerspruch facettenreich zu beleuchten und die Dimension und Modernität von Hildegards Medizin zu begreifen, war es notwendig, sich auf ihre medizinischen Erkenntnisse zu beziehen, welche sie später in ihren Werken „Scivias“, „Vita“ und „Causae et Curae“ festhielt. Aber vor allem hatte ich Hildegards Rechtfertigung für ihr Handeln und die Reaktion ihres Umfelds zu betrachten. Ergänzend zu ihrem fortschrittlichen medizinischen Wissen kam Hildegards modernes Verständnis von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Um die Tragweite ihrer Aussagen zu verstehen, war es grundlegend, sich mit den Geschlechterrollen im Mittelalter zu beschäftigen und sie mit Hildegards Vorstellungen zu vergleichen. Dies warf eine weitere Frage auf: Wie konnte eine Nonne, die die gesellschaftliche Machtposition der Männer anzweifelte und diese auf ihren Predigtreisen öffentlich kritisierte, so viel Einfluss erlangen? Ohne Zweifel war Hildegard von Bingen eine Frau, die nicht zum Schweigen gebracht werden konnte, obwohl sie in einer Zeit revolutionierte, die sich gegen neue Erkenntnisse sträubte. Um diesen vermeintlichen Widerspruch und die übrigen Fragen zu klären, war es wichtig, alle Fakten in einem Fazit zu vereinen. Dieses bewies schlussendlich, dass vor allem Hildegards gute Beziehungen zu den Machthabern des 11. und 12. Jahrhunderts sowie ihre demütige Haltung gegenüber diesen die Nonne absicherten. Eine weitere Sicherheit erlangte Hildegard durch ihr Talent, den Nerv ihrer Zeit perfekt zu treffen, da sie jede ihrer Schriften sowie ihre Taten auf Gottesweisung zurückführte und somit gegenüber jeglicher Kritik immun blieb. Aufgrund dessen ist Hildegard von Bingen, meiner Meinung nach, zurecht eine der bedeutendsten Frauen Deutschlands. Denn die Art und Weise, wie sie es schaffte, sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen, macht sie zu einem Vorbild, dem vor allem wir als junge Frauen nacheifern sollten.

Elisabeth Bauta, Miriam Zahn