21
FEB
2014

Holocaust-Überlebender beim Zeitzeugengespräch

Im Geschichtsunterricht der 9. Klassen ist das große Thema der Nationalsozialismus, weswegen dann auch die KZ Gedenkstätte Dachau besucht wird. Und von dort kam auch die Anfrage, ob an unserer Schule Interesse an einem Zeitzeugengespräch bestehe, wie es auch schon einmal hier stattgefunden hatte. Natürlich war das Interesse da, und so übernahm unsere Geschichtslehrerin Frau Benz die Organisation dieses Ereignisses. Als sie uns mitteilte, was uns erwarten würde, zeigten wir uns sehr interessiert, denn zu diesem Zeitpunkt nahmen wir die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus durch. Uns allen ging dieses Thema sehr nahe und jetzt bekamen wir die Chance aus erster Hand mehr darüber zu erfahren.

IMG_0905Am Dienstag war es dann soweit; in der 5. und 6. Stunde kam der Zeitzeuge Uri Chanoch an unsere Schule, um den Schülerinnen der 9. Klassen von seinem Leben zu erzählen. Als er die Th 3 betrat, in der wir uns schon alle versammelt hatten, wurde es still. Wir sahen einen gepflegten älteren Herrn mit gebräunter Haut und weißem Haar, der ruhig an den Stuhlreihen vorbei nach vorne ging und sich erst einmal vorstellte. Er heiße Uri Chanoch, sei 86 Jahre alt und lebe in Israel. Nun fing er an uns von seinem Leben zu erzählen.

Früher lebte er in Litauen, zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern, Miriam und Dani. Sie waren eine normale Familie und er besuchte eine hebräische Schule. Die Juden in Litauen waren vor dem 2. Weltkrieg nicht so integriert, wie z.B. die Juden in Deutschland, doch führte seine Familie ein gutes Leben. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs war er 13 Jahre alt. Nachdem Deutschland einige litauische Gebiete erobert hatte, verschlechterte sich ihre Situation. Zuerst wurde ihnen ihre Wertgegenstände weggenommen, später, als Uri 15 war,  mussten sie aus ihrer Wohnung aus, und in ein Ghetto, das Armenviertel, in dem nur Juden lebten, ziehen. Das Leben im Ghetto war hart, es gab wenig zu essen, Uri hatte immer Hunger und viele der Juden verhungerten. Immer wieder wurden Menschen abgeholt, weggebracht und nie wieder gesehen, aber Uris Familie blieb zunächst verschont. Eines Tages kamen Soldaten und wollten alle Kinder die noch im Ghetto lebten mitnehmen, doch ein SS-Mann versteckte einige von ihnen und auch Uris jüngerer Bruder konnte sich zunächst verstecken. Uri, der zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr als Kind galt, wurde gefragt, wo denn sein Bruder sei. Als er den Soldaten nicht antworten wollte, wurde er verprügelt und trotzdem verriet er seinen Bruder nicht. Die Narben die er damals davontrug, konnte man bis vor ca. 15 Jahren immer noch sehen. An jenem Tag wurden etwa 1500 Kinder mitgenommen, nur ca. 300 wurden nicht gefunden. Schließlich wurde auch Uris Familie abgeholt und fortgebracht. Sein Vater und sein Bruder kamen nach Auschwitz und Uri kam nach Kaufering, ein Außenlager des KZ Dachau. Er musste zusammen mit tausenden anderen Juden an Bunkern bauen. Es gab nur wenig zu essen, viele verhungerten, oder kamen bei der Arbeit ums Leben. Er meinte in Kaufering sei ihm das Ghetto wie das Paradies erschienen. Uri erzählte nicht viel über seine Zeit im Arbeitslager, man merkte, dass ihm das Reden darüber schwer fiel. Zusammen mit drei Freunden konnte er fliehen und wurde kurze Zeit später von amerikanischen Soldaten gefunden. Er hätte uns gerne noch länger von seinem Leben erzählt, doch leider hatten wir nicht mehr genug Zeit. Es folgte eine zehnminütige Fragerunde, welche interessiert genutzt wurde.

Mit einem langen, lauten Applaus verabschiedeten wir uns schließlich von dem 86-jährigen, der die ganzen eineinhalb Stunden lang gestanden hatte, obwohl ihm ein Stuhl  zur Verfügung stand.

Nach dem Gespräch waren wir alle erschüttert, betroffen und schockiert, was dieser Mensch alles ertragen musste, seine Lebensgeschichte berührte uns zutiefst und regte uns zum Nachdenken an. Und doch waren wir froh, diese einmalige Chance bekommen zu haben und hoffen, dass noch viele die Möglichkeit bekommen werden, an so einem Ereignis teilzunehmen, weil es wichtig ist, diese Vergangenheit nicht auszublenden und zu ignorieren. Jeder sollte etwas darüber erfahren und bescheid wissen, was damals passierte und nichts kann das besser verdeutlichen, als ein Zeitzeugengespräch.

 

Katharina Köstler, 9d