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DEZ
2016

„Hier bin ich noch, als einer der letzten Überlebenden“

Im Gespräch mit einem Zeitzeugen des Holocausts

„Aber manche sind am Leben geblieben. Hier bin ich noch, als einer der letzten Überlebenden“. Mit diesen Worten stellte sich der bald 89-jährige Abba Naor uns Zuhörerinnen vor. Am Montag, den 12.12.2016, hatten wir Schülerinnen der 9. Jahrgangsstufe des Theresia-Gerhardinger-Gymnasiums am Anger eine Gelegenheit, die nicht mehr viele haben werden – mit einem Zeitzeugen des Holocausts ins Gespräch zu kommen.

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Abba Naor erzählte von der Ungerechtigkeit, die ihm und Millionen anderer Juden während der Zeit des Nationalsozialismus widerfuhr. Als Jugendlicher floh er mit seiner Familie aus seiner Heimatstadt Kaunas (Litauen) vor den Verfolgungen. Später wurde die Familie dazu gezwungen, im Ghetto zu leben. Er schilderte die Gefahren, welche den Juden selbst bei alltäglichen Dingen wie der Nahrungsbeschaffung drohten. So wurde sein großer, damals vierzehnjähriger Bruder erschossen, weil er den abgesperrten Bereich des Lagers verließ, um Brot zu kaufen. Er schilderte wie Schikane und Tod den Tagesablauf bestimmten und aus dem Ghetto allmählich ein Arbeits- und Konzentrationslager wurde. Am Leben hielt ihn in diesen schweren Zeiten weniger sein Lebenswille als der Wunsch, sich einmal satt zu essen. Der Hunger war auch in allen folgenden Lagern, in denen er gezwungenermaßen leben musste, sein stetiger Begleiter.
In seinen Schilderungen der Zustände, unter denen gearbeitet, gelebt und gestorben wurde, zeigte er die Unmenschlichkeit auf, die eisern ihre Faust um alle und alles geschlossen hatte. Auch erzählte er vom Todesmarsch, auf den die Häftlinge am Ende des Krieges geschickt wurden, von seiner glücklichen Befreiung und von der Zeit nach dem Krieg. Im zweiten Teil der Veranstaltung stellte sich Abba Naor unseren Fragen und beantwortete diese mit großer Offenheit und Charme.

Am Ende meinte Naor: „Vielleicht ist das, was ich euch erzähle langweilig, aber ich habe keine andere Geschichte.“ Dabei wurde uns die Zeit während Naors Erzählung nie lang. Ganz im Gegenteil: Seine Lebensgeschichte war rührend, ehrlich und spannend und führte uns deutlich vor Augen, wohin Ausgrenzung und Hass führen können.

Verfasserin: Ricarda Baisi, Klasse 9b