27
FEB
2015

Der Religiöse Schultag 2015

„Wie geht’s hier raus?“

Noah lief im Kreis, dachte über sein Leben und seine Fehler nach. Immer wieder fing er von Rel_Tag_01vorne an und wollte etwas tun, etwas verändern. Auf einmal stand ein ihm unbekannter Mann vor ihm. Er hatte Zivilkleidung an, keine Uniform und keine Sträflingskleidung. „Entschuldigung, wie geht’s hier raus?“, wurde der Insasse urplötzlich angesprochen. Es war Norbert Trischler, der Pastoralreferent und Gefängnisseelsorger in Stadelheim, der mit Noah ins Gespräch kam und ihn danach öfters besuchte.

Der türkisch abstammende junge Mann, hatte wie viele Häftlinge eine schwere Kindheit und rutschte deshalb früh in die Kriminalität ab. Dies ist ein typisches Motiv, da die meisten Täter vorher selbst Opfer waren. Um seine Jugendjahre zu überstehen, half er sich mit Drogen, die für ihn ein Mittel zum Überleben waren und wie er mittlerweile selbst weiß, waren sie keine Stütze zum eigentlichen Leben.

Rel_Tag_02Durch den Konsum von Drogen kam auch Stefan (44) in Stadelheim mit dem Tabor Rundbrief, der alle 3- 4 Monate im Gefängnis verteilt wird, in Kontakt. Tabor e.V. ist eine Gemeinschaft von Christen, die sich um Menschen in Not, insbesondere um strafgefangene und strafentlassene Menschen kümmern. Von nun an versuchte Stefan an seinem neuen Ziel zu arbeiten: Einer Wohngemeinschaft des Tabor e.V., in der nur Menschen aufgenommen werden, die bereit sind, ein Leben ohne Alkohol, Drogen und Kriminalität zu leben. Die WG ist für den 44- jährigen ein Familienersatz geworden, die ihm Halt und eine neue Richtung gibt.

In seinem neuen Zuhause hat er gute Gesellschaft gefunden, wie Erich (63), der 32 Jahre lang spielsüchtig nach Roulett war. Laut ihm ist diese Sucht auch immer noch vorhanden, aber er kann sie kontrollieren und beherrschen. So hat er den Schritt zurück ins Leben geschafft.

Noah hat dies schon aus eigenem Antrieb im Gefängnis geschafft, indem er innerhalb von 9 Monaten sein Abitur nachholte und dies mit einem Schnitt von 1,8 abschloss. Während wir ihn noch bewunderten, meinte er: „Ich war in allem, was ich gemacht habe sehr gut. So war ich auch ein sehr guter Verbrecher, bis zum letzten Mal, doch deshalb zunächst einmal von meinem Abischnitt enttäuscht.“

Wir hatten viel Spaß im Gespräch mit den Vieren am religiösen Projekttag unserer Schule, da uns alle Fragen sehr offen beantwortet wurden und wir viel gelernt haben, vor allem über uns selbst und unsere Einstellung zu Strafgefangenen. Zum Schluss hat Norbert uns noch einen sehr guten Rat mit auf den Weg gegeben: „Selbst wenn ihr eines Tages im Gefängnis sein solltet, gebt nicht auf, denn es gibt immer einen Weg da raus!“

 

Nicole Vierheilig und Cosima Zeitler

Allgemeiner Artikel zum religiösen Schultag

„Ein Fasten wie es Gott gefällt“ (Jes 58) – Wege zu Frieden und Gerechtigkeit – unter diesem Motto stand unser Projekttag am 23. Februar.

55 Workshops, darunter 23 Exkursionen zu sozialen Einrichtungen in unserer Stadt und im Landkreis, ermöglichten neue Erfahrungen an einem ungewöhnlichen Schultag. Das Angebot reichte von kreativem Gestalten (z.B. Kreuze in Löttechnik, meditatives Filzen, Bereiten einer Fastenspeise) über Informationen zu Fair trade, neuen Konzepten des Teilens, Leben mit Außenseitern, Umgang mit Krankheit, Sucht und Tod, Einblicke in die Lebenssituation von Kindern weltweit und Einspürübungen in die Lebenssituation von Flüchtlingen und Senioren. Auch ein großes Planspiel, das die Ungerechtigkeit von Wirtschaftssystemen am eigen Leib erspüren ließ, öffne die Augen für weltweite Probleme.

Die Exkursionen boten einen großen Reigen von der BISS-Redaktion, über die „Babyklappe“ bei den Guten Hirtinnen über Einrichtungen der Flüchtlingshilfe, Besuch von Senioren-heimen, Behinderteneinrichtungen, Obdachlosenfürsorge und unterschiedlichen Projekten, wo Menschen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtert wird. In all diesen Einrichtungen wurden wir freundlich aufgenommen und bestens informiert.

Herzlich danken wir auch den Referentinnen und Referenten, die zu uns gekommen sind und uns anschaulich und mitreißend von ihren Aufgaben erzählt haben, vom Gefängnisseel-sorger, über die Telefonseelsorge, Notfallseelsorge und Frauen und Männer, die in der Flüchtlingshilfe arbeiten, sich beim Kirchenasyl engagieren, ein verantwortliches Konsumverhalten vorstellten oder unseren Schülerinnen neue Zugänge zu Entspannung und Selbstreflexion möglich machten.